WER ERZIEHT DAS DORF?
- Urs Sennhauser

- 17. Feb.
- 5 Min. Lesezeit

Vielleicht hast du schon einmal das afrikanische Sprichwort gehört: »Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.« Unser Umfeld hat einen grossen Einfluss auf unsere Weltsicht, unsere Überzeugungen, unsere Werte und sogar unser Verhalten. Wir sind ein Produkt der Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Unsere Verhaltensweisen sind stark von unserem »Dorf« beeinflusst, der Umgebung, in der wir uns befinden.
Wenn es stimmt, dass es ein Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen – wer erzieht dann das Dorf?
Wer oder was formt die Kraft, die dich und mich formt? Wer hat den entscheidenden Einfluss auf unsere Dörfer? Wer lehrt dem Dorf seine Werte und seine wichtigsten kulturellen Ausdrucksformen? Wer bestimmt, was unsere Gesellschaft beeinflusst?
Wenn die Gemeinde sich aus diesem Dialog heraushält, dann bestimmen säkulare, humanistische Werte, wie unsere Welt gestaltet wird.
Ich bin davon überzeugt, dass die Gemeinde eine Verantwortung besitzt. Sie ist die Vertreterin des Reiches Gottes auf der Erde. Das Umfeld, in dem unsere Kinder aufwachsen, prägt deren Leben. Somit spielt der Zustand unseres »Dorfes« eine fundamentale Rolle bei ihrer geistlichen und sozialen Entwicklung.
Wir leben in einer Umgebung, die von den Menschen geformt wird, die im Alltag bei uns sind. Leider haben wir im Laufe der letzten Generationen grösstenteils nur zugesehen, wie unsere kostbaren Dörfer Schritt für Schritt verfallen. Ich glaube, es gibt kaum noch ein Dorf, das nicht ganz dringend erneuert werden muss: auf sozialer, wirtschaftlicher und geistlicher Ebene.
Aber wie kann das Dorf gerettet werden? Wer oder was könnte das Dorf erziehen? Es gibt nur eine Antwort: die Gemeinde!
Wenn die Christen das Dorf erziehen wollen, müssen sie aufhören, nur Programm in der Gemeinde zu haben, und anfangen, eine Gemeinde zu sein. Die Gemeinde muss aus ihren vier Wänden herauskommen und versuchen, das Dorf positiv zu beeinflussen. Sie muss sich aktiv in jeden Bereich der Gesellschaft einbringen und ein Segen sein, indem sie Jesu Liebe und Macht erlebbar macht.
Es ist dran, dass wir uns neu dafür einsetzen, den Lebensstandard im Dorf zu heben, statt unseren religiösen Status quo aufrechtzuerhalten. Die Gemeinde muss aufstehen, ihre Gleichgültigkeit abschütteln und sich den vor ihr liegenden Herausforderungen stellen. Wir haben den Auftrag, die Welt zu bewegen, und das fängt in unseren eigenen Dörfern an.
Unser Traum ist es, Dörfer und Städte zu Orten zu machen, an denen Gottes Gegenwart in allen Bereichen der Gesellschaft sichtbar ist. Wir wollen Jesu Herrschaft spürbar erfahren!
Wenn du so denkst, wie ich noch vor einigen Jahren dachte, hegst du wahrscheinlich erhebliche Zweifel an der Vorstellung, dass die Gemeinde eine ganze Region verändern kann. Die Gemeinde? Die Gemeinde kann vielleicht ihre Mitglieder beeinflussen und an Wohltätigkeitsaktionen der Stadt teilnehmen, aber sie hat doch keinen wirklich ausschlaggebenden Einfluss auf die Kultur. Stimmt’s?
Wir müssen erkennen, dass die Gemeinde nicht nur die Möglichkeit und das Privileg besitzt, das Wertesystem unserer Dörfer positiv zu beeinflussen. Wir haben als Christus-Nachfolger auch den Auftrag und die Pflicht, das Bildungssystem, die Medien, die Kultur, die Wirtschaft, die Regierung und alle anderen Bereiche der Gesellschaft mitzugestalten.
Viele Jahre lang hat sich die Gemeinde von der Welt abgewandt und ist deshalb an den Rand gedrängt worden. An vielen Orten weltweit ist die Gemeinde zu einer nebensächlichen Sache geworden. Sie ist eine kleine Subkultur, die ihr eigenes Ding macht und nichts mit der heutigen Kultur zu tun hat.
Doch das ist niemals Gottes Plan für die Gemeinde gewesen.
Es ist dieselbe gewaltige Kraft, die auch Christus von den Toten auferweckt und ihm den Ehrenplatz an Gottes rechter Seite im Himmel gegeben hat. Jetzt ist er als Herrscher eingesetzt über jede weltliche Regierung, Gewalt, Macht und jede Herrschaft und über alles andere, in dieser wie in der zukünftigen Welt. Gott hat alles der Herrschaft von Christus unterstellt und hat Christus als Herrn über die Gemeinde eingesetzt. Die Gemeinde aber ist sein Leib, und sie ist erfüllt von Christus, der alles ganz mit seiner Gegenwart erfüllt.
EPHESER 1,19–23
Unsere Welt kann nur in Beziehung zu Gott und Jesus verstanden werden. Die Gemeinde wird scheitern, wenn sie das Christentum als eine alternative Beschäftigung darstellt, die nichts mit dem alltäglichen Leben zu tun hat. Stattdessen sollte das Christentum als Lebenssystem dargestellt werden, das jeden Bereich der Gesellschaft bestimmt. Es geht darum, Christus in jedem Aspekt des Lebens zu sehen (und zu zeigen). Wenn sein Einfluss in irgendeinem Bereich der Gesellschaft nicht sichtbar ist, entgeht uns die Harmonie einer gut funktionierenden Ortschaft. Uns entgeht Gottes Schalom, der Frieden und das Heil in unserer Stadt. Die Gemeinde ist dazu berufen, den Kern der Gesellschaft durch ihre missionarische Präsenz mit dem Charakter Christi zu prägen.
Das Christentum ist ein umfassendes, lebensspendendes Gerüst der Wahrheit. Wenn es richtig ausgelebt wird, wird es Leben spenden und eine erlösende Wirkung auf die Kultur haben. In der Bibel wird von Anfang bis Ende deutlich, dass das Königreich unseres liebenden Vaters die ganze Schöpfung umfasst. Christi Sieg gehört nicht nur einigen wenigen Christen, sondern jedem Dorf und jeder Stadt und jeder Nation, die je existiert hat und existieren wird. Wir müssen Jesus als die allumfassende Wahrheit und als Massstab für alle Bereiche der Gesellschaft betrachten.
Als Gemeinde sollten wir uns nicht einfach nur irgendwo verkriechen und abwarten. Stattdessen gilt es, unsere Herangehensweise an das Leben und unseren Dienst mit Gott zu ändern. Unsere Sicht auf die Gemeinde, ihre Funktion und ihren Auftrag muss eine Wende vollziehen.
Im Grunde existiert die Gemeinde nicht für sich selbst, sondern um die Welt zu verändern. Wir wollen nicht einfach nur möglichst viele Menschen anziehen – wir müssen sie in ihrem geistlichen Wachstum unterstützen, damit sie lernen, Gott zu lieben und zu Triebkräften des gesellschaftlichen Wandels zu werden. Leider wissen viele Christen nicht, dass Jesus Herr über alles ist. Die meisten verfügen nur über ein begrenztes Bibelwissen, das in erster Linie aus einzelnen Bibelversen besteht, die scheinbar zu ihrem körperlichen, emotionalen und sozialen Wohlergehen beitragen sollen.
Ihr bruchstückhaftes Bibelwissen und ihr mangelndes Verständnis von ihrer neuen Identität in Christus sowie von Christi Herrschaft über alle Dinge haben dazu geführt, dass viele Christen in Bezug auf ihr alltägliches Leben weltliche, humanistische Positionen angenommen haben. Sie wissen schlicht und einfach nicht, dass die Bibel etwas anderes lehrt. Die Stimme der Christus-Nachfolger ist in einigen Bereichen der Gesellschaft sehr still geworden. Wie sie ihr Leben führen und ihre alltäglichen Angelegenheiten regeln, hat wenig mit ihrer Beziehung zu Jesus Christus zu tun. Stattdessen ist ihr Verhalten von der weltlichen Gesellschaft und deren Normen und Werten geprägt. Das lässt die Frage aufkommen, ob die Gemeinde ihren Auftrag, Menschen zu Jüngern zu machen, überhaupt noch erfüllt.
Die Gemeinde ist das Werkzeug, durch das Gott die Welt verändern möchte. Doch heutzutage scheint sie darauf reduziert worden zu sein, sich nur noch um sogenannte »geistliche« Angelegenheiten zu kümmern. Aus dem Grund leben so viele Christen auf eine Art, die von der weltlichen Gesellschaft geprägt ist. Wenn wir jedoch sehen wollen, wie unsere Dörfer und Städte sich verändern, müssen wir uns zuerst selbst verändern. Gott will, dass wir die Welt zu einem Ort des Schaloms machen – einem Ort der Vergebung, der Gerechtigkeit, des Friedens, des Wohlergehens, des Segens und der Gnade. Und er möchte das durch uns tun, denn wir sind seine Vertreter auf der Erde. Jeder Christ ist dazu berufen, einen Beitrag dazu zu leisten.
A.P. 2019 / 2026




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